Der erste Eindruck entsteht zwischen den Zeilen
Unternehmen investieren viel Zeit und Geld, um neue Mitarbeiter zu gewinnen. Stellen werden ausgeschrieben, Bewerbungsgespräche geführt und Arbeitgebermarken aufgebaut. Doch der eigentliche Eindruck entsteht am ersten Arbeitstag und dann reichen manchmal zehn Minuten in der Kaffeeküche, um all das wieder zunichte zu machen.
Ein neuer Mitarbeiter sitzt vielleicht in einer Vorstellungsrunde und hört Sätze wie:
„Hier läuft alles total chaotisch.“
„Der Vorgänger hat eigentlich alles falsch gemacht.“
„Die meisten Neuen halten sowieso nicht lange durch.“
„Die Chefs können schon mal über den Flur brüllen.“
„Ich hoffe, du hältst länger durch als die anderen.“
Diese Aussagen sind gar nicht böse gemeint. Dennoch senden sie eine klare Botschaft. Der neue Kollege hört aufmerksam zu und versucht herauszufinden, in welchem Umfeld er gelandet ist. Noch bevor er die ersten Aufgaben übernimmt, beginnt er bereits, sich ein Bild vom Unternehmen zu machen.
Aus arbeitspsychologischer Sicht orientieren sich Menschen in einer neuen Umgebung an den ungeschriebenen Regeln einer Organisation. Sie versuchen herauszufinden, wie das Unternehmen tatsächlich funktioniert. In der Arbeitspsychologie spricht man von impliziten Normen, also von ungeschriebenen Regeln, die das Verhalten in einer Organisation stärker prägen als jedes Leitbild.
Noch bevor der neue Mitarbeiter seine ersten Aufgaben übernimmt, beantwortet sein Gehirn bereits Fragen wie:
- Wie sprechen die Menschen hier miteinander?
- Darf man hier Fehler machen?
- Werden Probleme offen angesprochen oder lieber vertuscht?
- Unterstützt man sich gegenseitig oder kämpft jeder für sich?
- Stimmen die Versprechen aus dem Bewerbungsgespräch mit der Realität überein?
Nicht das Leitbild an der Wand entscheidet über die Unternehmenskultur, sondern das Verhalten auf dem Flur. Menschen glauben dem Verhalten mehr als den Worten.
„Was Paul über Peter sagt, sagt mehr über Paul als über Peter.“
Das Betriebsklima erkennt man immer daran, wie über Abwesende gesprochen wird. Wenn regelmäßig über Kollegen gelästert wird, wenn der Vorgänger grundsätzlich unfähig war oder andere Abteilungen nur aus „Idioten“ bestehen, dann verrät das oft mehr über das Unternehmen als über die betroffenen Personen. Und wenn ein Bereichsleiter in großer Runde die Intelligenz einzelner Kollegen infrage stellt – bevorzugt noch mit abschätzigen Bemerkungen beispielsweise über Frauen – braucht sich niemand über Konkurrenzdenken, Ungleichbehandlung oder Ellbogenmentalität zu wundern.
Führungskräfte definieren durch ihr Verhalten, was akzeptabel ist und was gesagt werden darf, ohne dass jemand einschreitet. Wer ständig betont, wie schwierig Mitarbeiter sind, verrät etwas über sein Menschenbild. Wer ausschließlich über Fehler spricht, lenkt den Blick von Lösungen weg. Wer Druck nach unten weitergibt, schafft selten Menschen, die für ihre Aufgabe brennen, sondern Mitarbeiter, die irgendwann ausbrennen.
Die unsichtbaren Kosten
Viele Unternehmen messen Produktivität, Umsätze und Kennzahlen. Doch wie viele messen die Zeit, die täglich durch schlechte Kommunikation verloren geht? Wie viele Stunden verschwinden in Gesprächen hinter verschlossenen Türen? Wie viel Energie wird investiert, um Missverständnisse und verletzende Aussagen zu diskutieren und zu verarbeiten? Wie viel schneller wären Projekte abgeschlossen, wenn die Frage „Wer war schuld?“ gar nicht erst gestellt würde?
Liebe Chefs,
versteht mich nicht falsch. Es ist völlig legitim, ein Unternehmen mit einem rauen Umgangston zu führen. Es ist absolut in Ordnung, den Wettbewerb untereinander eher zu fördern als Harmonie. Es ist jedermanns Recht, Leistung kompromisslos vor allem zu stellen.
Aber dann steht auch dazu. Schreibt nicht „Zusammen sind wir stark“, wenn sich jeder selbst der Nächste ist. Werbt nicht mit Teamgeist, wenn in Wirklichkeit Konkurrenz das wichtigste Führungsinstrument ist. Versprecht keine offene Kommunikation, wenn Probleme lieber hinter verschlossenen Türen oder hinter vorgehaltener Hand diskutiert werden.
Niemand erwartet perfekte Unternehmen. Das ist unmöglich und auch in Ordnung. Jedoch ist es für beide Parteien einfacher und zielführender, die Karten von Beginn an ehrlich auf den Tisch zu legen. Das verhindert Missverständnisse und Ärger auf beiden Seiten. Ein gegenseitiges Kennenlernen ist immer mit Stolpersteinen verbunden, doch sollte die Realität auch von Beginn an vermittelt werden.
Übrigens: Eure Botschaften hören nicht nur neue Mitarbeiter. Eure langjährigen Mitarbeiter hören sie jeden Tag. Der Unterschied ist lediglich, dass sie sich längst daran gewöhnt haben.
Vielleicht lohnt sich also zum Schluss folgende Frage
Wenn morgen ein neuer Mitarbeiter in Eurem Unternehmen startet:
Was würde er in den ersten zwei Stunden über euer Unternehmen erfahren?

