Es gibt diese Leistungsträger in jedem Unternehmen.
Jeder im Team weiß, wer den Laden zusammenhält, auch wenn dieser Name in keiner Präsentation auftaucht und selten im Mittelpunkt steht. Sie arbeiten im Hintergrund, übernehmen Verantwortung, halten Prozesse am Laufen und sorgen dafür, dass Probleme gelöst werden, bevor sie überhaupt sichtbar werden. Für die Kollegen sind sie unverzichtbar. Für manche Führungskräfte bleiben sie dennoch erstaunlich unsichtbar.
Wenn diese wertvollen Mitarbeiter irgendwann das Unternehmen verlassen, geschieht das selten mit einer plötzlichen Kündigung. Sie verabschieden sich lange vorher und oft merkt es niemand.
Die stillen Helden, die niemand hört
Sie sorgen dafür, dass der Laden läuft. Sie springen ein, wenn Kollegen ausfallen, und teilen ihr Wissen. Sie sehen, wenn Abteilungen aneinander vorbei arbeiten und weisen auf Missstände hin.
Gerade weil sie so zuverlässig sind, geraten sie in eine äußerst undankbare Rolle. Wer immer hilft, wird immer wieder gefragt. Aus besonderem Engagement wird Standard und der Satz „Kannst du das noch eben übernehmen?“ entwickelt sich zur Dauerschleife.
Viele Unternehmen behandeln ihre zuverlässigsten Mitarbeiter wie ein kostenloses Sicherheitsnetz. Solange alles funktioniert, macht sich niemand Gedanken darüber. Erst wenn das Netz reißt, beginnt hektische Ursachenforschung. Aber dann ist es oft schon zu spät.
Das Wissen, das in keinem Handbuch steht
Leistungsträger besitzen etwas, das man weder einstellen noch kurzfristig ersetzen kann. Sie kennen die Geschichte des Unternehmens ebenso wie die Eigenheiten der Führungskräfte und Kollegen. Sie wissen, welche Prozesse wirklich funktionieren und welche seit Jahren nur deshalb laufen, weil sie täglich improvisieren.
Sie kennen die Kunden, die besondere Aufmerksamkeit benötigen. Sie wissen, welche Dienstleister zuverlässig arbeiten und bei wem man besser zweimal nachfragen sollte. Sie kennen die informellen Wege, die weder im Intranet noch im Laufwerk dokumentiert sind und die Menschen, die im entscheidenden Moment den Unterschied machen.
Vielleicht ist es die Mitarbeiterin im Einkauf, die jeden Lieferanten persönlich kennt. Der Servicetechniker, der schon am Telefon erkennt, wo die eigentliche Ursache eines Problems liegt oder die Assistenz, die genau weiß, welche Abstimmungen funktionieren und welche seit Jahren nur deshalb nicht eskalieren, weil sie im Hintergrund vermittelt.
Dieses Wissen ist nirgendwo festgehalten. Es entsteht durch Erfahrung und unzählige Situationen, die man nur erlebt, wenn man viele Jahre Teil eines Unternehmens ist. Genau deshalb sind diese Menschen das Betriebssystem eines Unternehmens.
Teure Berater statt internes Gold
Und genau hier beginnt die eigentliche Tragödie.
Unternehmen investieren fünf- oder sechsstellige Beträge für externe Berater und Strategieworkshops. Gleichzeitig ignorieren sie häufig die Menschen, die ihnen kostenlos erklären könnten, warum ein Projekt scheitern wird. Statt die Erfahrung derjenigen zu nutzen, die täglich mit den Auswirkungen von Entscheidungen leben, verlässt man sich lieber auf Kennzahlen und hierarchische Strukturen.
Leistungsträger wissen, welche Fähigkeiten im Team fehlen, welche Persönlichkeiten harmonieren, welche Prozesse in der Praxis funktionieren und welche nur auf PowerPoint gut aussehen.
Mit ihrem Erfahrungsschatz erkennen sie Risiken oft Monate früher als das Management selbst. Wie viele Fehlentscheidungen ließen sich vermeiden, wenn Führungskräfte häufiger den Menschen zuhören würden, die jeden Tag mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen arbeiten…
Jeder Mensch hat eine Schmerzgrenze
Loyalität hat ein Limit. Schon im Mittelalter endete der Treueeid eines Ritters dort, wo Ehre und die eigenen Werte dauerhaft verletzt wurden. Loyalität bedeutete niemals blinder Gehorsam.
Und warum sollte das heute anders sein? Auch der engagierteste Leistungsträger erreicht irgendwann seine persönliche Grenze, wenn das nächste zusätzliche Projekt auf dem Tisch liegt.
„Du schaffst das schon.“
„Du bist doch unser Problemlöser.“
„Ohne dich geht es gerade nicht.“
Was wie Anerkennung klingt, wird zur Belastung: weitere Überstunden, wieder mehr Verantwortung, gleichbleibendes Gehalt und kaum Gestaltungsspielraum.
Irgendwann kommt der Moment, an dem sich selbst der loyalste Mitarbeiter fragt: „Warum engagiere ich mich eigentlich, wenn sowieso niemand wahrnimmt, was für ein Rattenschwanz dahintersteckt?“
Das ist der Moment der inneren Kündigung. Der Mensch verliert den Glauben daran, etwas bewirken zu können.
Zeit zum Hinschauen
Also, liebe Chefs,
habt ihr euch schon einmal ehrlich gefragt, wer in eurem Unternehmen die eigentlichen Leistungsträger sind?
Nein?
Dann schaut in den nächsten Tagen genauer hin.
Wer wird ständig um Hilfe gebeten?
Wer kennt auf jede Frage eine Antwort?
Wer springt selbstverständlich ein, wenn es eng wird?
Ja?
Was tut ihr, damit genau diese Menschen morgen noch mit derselben Überzeugung für euer Unternehmen arbeiten?
Denn eines ist sicher:
Der Verlust eines Leistungsträgers beginnt an dem Tag, an dem dieser Mensch aufhört zu glauben, dass seine Stimme zählt.

