Es gibt diese magischen Momente in Besprechungen. Alle sitzen am Tisch. Leere Kaffeetassen und Gläser stehen neben aufgeklappten Notebooks und vollgeschriebenen Notizblöcken. Es wurde diskutiert und miteinander gerungen, bis endlich dieser eine befreiende Satz fällt: „Ja, so machen wir das.“
Jeder verlässt den Raum mit dem guten Gefühl, dass die Richtung klar ist und dass alle bereit sind, diese Entscheidung gemeinsam zu tragen.
Doch in Zeiten der Einigkeit ist das Treuehalten einfach. Die echte Bewährungsprobe kommt erst dann, wenn kritische Rückfragen und erste Probleme auftauchen, die das beschlossene Projekt infrage stellen. Seitens des Vorstandes fällt plötzlich das Wort „Fehlentscheidung“. Geschäftspartner stellen Fragezeichen in den Raum, wie die weitere Zusammenarbeit aussehen soll. Und die Kunden sträuben sich im ersten Moment, weil sie doch eigentlich alles so wollten wie immer.
Genau dann wird es spannend. Denn der Sinneswandel mancher Führungskräfte entwickelt nun eine bemerkenswerte Eigendynamik:
„Also, so haben wir das eigentlich nicht beschlossen.“
„Das war eine Empfehlung direkt aus dem Team.“
„Ich hatte ja damals schon meine Bedenken.“
Aus „WIR“ wird plötzlich „DIE“
Komisch nur, dass mehrere E-Mails und das Gedächtnis aller anderen Anwesenden eine völlig andere Geschichte erzählen. Solange eine Entscheidung Erfolg verspricht, findet sich ihr Urheber meist erstaunlich schnell. Wird sie jedoch kritisch hinterfragt, steht sie plötzlich mutterseelenalleine da. Der sprichwörtliche „Arsch in der Hose“ scheint unter Druck bei manchen Führungskräften eine bemerkenswerte Schrumpfung zu erfahren.
Nun könnte man darüber schmunzeln. Doch die Glaubwürdigkeit der Führungskraft ist damit erst einmal verspielt. Welchen emotionalen und fachlichen Schaden diese Zurückweisung anrichtet, zeigt sich spätestens bei den nächsten Projekten. Denn das Team erfährt zwangsläufig davon, wenn die Verantwortung leise den Schreibtisch gewechselt hat:
„Hast du gehört? Eben war das plötzlich unsere Idee.“
„Vor zwei Wochen klang das seitens unserer Führung noch ganz anders.“
„Gut zu wissen. Beim nächsten Mal halte ich mich lieber dezent zurück.“
Das Team zieht seine eigenen Schlüsse daraus. Es lernt, dass Verantwortung im Ernstfall eiskalt nach unten weitergereicht wird. Die Folgen zeigen sich oft erst Wochen oder Monate später. Mutige Ideen bleiben zukünftig in der Schreibtischschublade. Verantwortung wird auch unter den Kollegen blockiert, denn Vorsicht ist geboten. Niemand fasst freiwillig ein zweites Mal auf die heiße Herdplatte.
Warum manche Führungskräfte den Rückwärtsgang einlegen
Fairnesshalber muss man sagen, dass die meisten Führungskräfte selbst unter enormem Druck stehen. Sie müssen Ergebnisse liefern und dürfen sich dabei möglichst keine Fehler erlauben. Wer jahrelang in Unternehmen arbeitet, in denen Irrtümer bestraft werden, entwickelt Schutzstrategien. Die einen dokumentieren fortan jede Kleinigkeit, die anderen entscheiden gar nichts mehr, sondern „empfehlen“ nur noch. Die bittere Botschaft, die dadurch im Team ankommt, lautet: Wenn es schwierig wird, stehst du allein da.
Also liebe Chefs,
konstruktive Zusammenarbeit erfordert Rückgrat von euch. Das heißt übrigens nicht, dass ihr stur an einer einmal getroffenen Entscheidung festhalten müsst.
Fragt euch selbst: Wann verlieren Menschen in eurem privaten Umfeld das Gesicht? Sind es die Leute, die felsenfest darauf beharren, alles richtig gemacht zu haben, und die Schuld auf andere abschieben, um nicht ins Kreuzfeuer zu geraten? Oder sind es nicht vielmehr die Begegnungen, bei denen jemand offen sagt: „Ja, das war meine Entscheidung. Ich dachte damals, es sei der richtige Weg, aber wir müssen hier wohl noch einmal den Kurs korrigieren.“?
Also, wer wollt ihr sein?
Der vermeintlich perfekte Chef nach außen oder der verlässliche Chef nach innen?

