Warum die schnellste Entscheidung manchmal die weitreichendste ist
„Ich muss darüber nachdenken.“

Nein, das ist kein Zeichen von Unsicherheit. In vielen Unternehmen scheint jedoch ein unausgesprochenes Gesetz zu gelten. Wer führt, muss sofort Antworten haben. Entscheidungen sollen schnell getroffen werden, denn Schnelligkeit wird oft mit Kompetenz verwechselt. Also wird unmittelbar und entschlossen ohne sichtbares Zögern entschieden. Doch zu welchem Preis?

Schnelligkeit ersetzt keine gute Entscheidung

Es gibt Situationen, die sofortiges Handeln erfordern. Ein Notfall duldet keinen Aufschub. Viele Entscheidungen im Führungsalltag gehören jedoch öfter in die strategische Kategorie. Ob ein Prozess verändert, eine Stelle neu geschaffen oder ein Projekt anders priorisiert wird, entscheidet selten darüber, was in den nächsten zehn Minuten passiert. Trotzdem entstehen häufig künstliche Zeitdrucksituationen, in denen Führungskräfte glauben, möglichst schnell reagieren zu müssen, um entschlossen zu wirken. Natürlich gibt es Situationen, in denen schnelle Entscheidungen genau richtig sind. Problematisch wird es jedoch dann, wenn Geschwindigkeit wichtiger als Sorgfalt wird.

Wenn Aktionismus teurer wird als Nachdenken

Jede Entscheidung einer Führungskraft setzt eine ganze Organisation in Bewegung. Mitarbeitende planen Termine um, passen Prozesse an, erstellen neue Konzepte, informieren Kunden oder investieren Stunden in die Umsetzung. Wird diese Entscheidung wenige Tage später wieder zurückgenommen, beginnt vieles von vorne. Was ursprünglich als Handlungsstärke gedacht war, wird von der Belegschaft als Planlosigkeit erlebt. Denn Menschen brauchen Orientierung und Vorhersehbarkeit, um effizient arbeiten zu können. Werden Prioritäten ständig verändert, entsteht ein Zustand permanenter Neuorientierung. Aufmerksamkeit wandert von der eigentlichen Arbeit hin zur Frage, welche Richtung wohl morgen gelten wird.

Eine Entscheidung fällt selten allein

Stellen wir uns mal folgende Situation vor:
Ein Geschäftsführer verkündet im Meeting: „Wir verlieren zu viele Interessenten, weil unsere Angebote zu lange dauern. Ab sofort möchte ich, dass jedes Angebot innerhalb von 24 Stunden rausgeht.“

Soweit, so gut. Der erste Dominostein ist mit der Entscheidung gefallen. Das Team gibt sein Bestes und möchte die Erwartungen erfüllen. Der Vertrieb passt seine Abläufe an. Die Assistenz organisiert Termine neu. Die Projektleitung plant Kapazitäten um und das Marketing kommuniziert die neue Geschwindigkeit bereits nach außen. Alle arbeiten engagiert daran, die neue Vorgabe umzusetzen. Später wird deutlich, dass ein wichtiger Aspekt nicht berücksichtigt wurde. Für komplexe Angebote reichen 24 Stunden nicht aus, um technische Anforderungen sorgfältig zu prüfen. Die Reklamationen nehmen zu und einzelne Kunden erhalten Lösungen, die nicht optimal zu ihren Anforderungen passen. Danach folgen zusätzliche Meetings. Mehrere Abteilungen diskutieren darüber, welche Ausnahmen künftig gelten sollen. Die Technik fordert mehr Zeit für die Prüfung komplexer Angebote. Der Vertrieb versucht, unzufriedene Kunden zu beruhigen. Das Marketing muss Erwartungen korrigieren, die es wenige Tage zuvor noch kommuniziert hat.

Die Entscheidung selbst dauerte vielleicht zehn Minuten. Ihre Folgen beschäftigen mehrere Abteilungen über Wochen.

Deshalb, liebe Chefs,

fragt euch selbst, welcher Satz bei der nächsten Entscheidung die richtige Wahl ist, bevor ihr den Ball ins Rollen bringt:

„Ich habe sofort eine Lösung.“

oder:

„Ich möchte mir zwei oder drei Tage Zeit nehmen, um mir ein vollständiges Bild machen zu können.“

Denn denkt daran, fast jede Führungsentscheidung löst einen Domino-Effekt aus.